Chile '73 – Das Kapital im Blutrausch

Im Herbst 1970 fanden in Chile Präsidentschaftswahlen statt. Mit Salvador Allende wurde der Kandidat der linken Unidad Popular gewählt. Das war die Antwort auf bittere Armut, die keine der vorherigen Regierungen ernsthaft bekämpft hatte. Die neue linke Regierung legte eine Vielzahl an sozialen Programmen auf, die Not der Bevölkerung ging spürbar zurück. Um das zu finanzieren und kapitalistische Ausbeutung zu erschweren wurden einige ausländische Konzerne enteignet. Die Allende-Regierung genoss große Unterstützung besonders in den armen Teilen der Bevölkerung und stand symbolisch für den Widerstand gegen die Macht von Konzernen und dem in Lateinamerika sehr aktiven US-Imperialismus.

Doch die alten Herrschenden wollten nicht tatenlos zusehen, wie sie ihre Privilegien verloren. Es gab Hetzkampagnen, Aussperrungen, "Unternehmerstreiks" und Anschläge auf Allende und die Arbeiter*innenbewegung.

Trotz all dieser Widerstände versuchte die Allende-Regierung immer wieder, Teile des „progressiven Flügels“ des chilenischen Kapitals einzubinden. Um sie nicht zu verschrecken wurde auf weitreichende Maßnahmen verzichtet, mit dem Kapitalismus wurde nicht grundsätzlich gebrochen. Als Arbeiter*innen Betriebe besetzten, gab die Regierung diese zurück in die Hände der Kapitalist*innen und weigerte sich, die staatlichen Betriebe der demokratischen Kontrolle durch Produzierende und Verbraucher*innen zu unterstellen. Auch weigerte sich die Regierung, rechte Militärs abzusetzen und glaubte an deren Loyalität. Revolutionäre Linke forderten stattdessen die Bewaffnung demokratisch gewählter Verteidigungseinheiten. Als am 11. September 1973 rechte Militärs unter der Führung von General Pinochet putschten, gab es keine starken Kräfte, um die Errungenschaften zu verteidigen. Pinochets Truppen führten unmittelbar ein Massaker an Aktivist*innen der Arbeiter*innenbewegung durch – beklatscht von Bürgerlichen auf der ganzen Welt. Der „rote Spuk“ war in Blut ertränkt worden.

In der neuen Diktatur Chile wurden Gewerkschafter*innen, Sozialist*innen, Linke und alle, die im Verdacht standen, links zu sein, interniert, gefoltert und umgebracht. Das Nationalstadion in Santiago de Chile wurde zum Konzentrationslager, seine Gewölbe zum Folterkeller. Amnesty International schätzt, dass allein im ersten Jahr der Diktatur 30-40.000 Menschen hingerichtet oder zu Tode gefoltert wurden.

Im „neuen Chile“ konnten sich auch deutsche Altnazis, von denen viele nach dem Ende des zweiten Weltkriegs in lateinamerikanische Länder geflohen waren, wohl fühlen. Ein bis heute nicht wirklich aufgearbeitetes Kapitel ist die "Colonia Dignidad", eine von einer exildeutschen christlich-rechtsradikalen Sekte gebildete Siedlung. Sie unterstützte faschistische Kräfte, wirkte im Putsch mit und unterhielt während der Pinochet-Diktatur Folterkeller für den Geheimdienst. Mehrere deutsche Unionspolitiker besuchten die Siedlung und verteidigten sie gegen Kritik. In Deutschland gab es einen "Freundeskreis", der von einem ehemaligen SS-Offizier gegründet wurde und in dem einflussreiche Menschen mitwirkten. Bis heute sind nicht alle Akten freigegeben, es gibt Vermutungen über weitreichende Verstrickungen des BND (deutscher Auslandsgeheimdienst) mit der Colonia Dignidad.

Der Putsch in Chile 1973 und die folgenden Jahre haben gezeigt, dass das Kapital zu jeder Grausamkeit bereit ist, wenn es die Gefahr einer sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft gibt. Die chilenische Tragödie zeigt auch, dass das Kapital eine demokratische Mehrheit für sozialistische Maßnahmen nicht akzeptiert. Die Arbeiter*innenbewegung muss sich dessen bewusst sein und die Geschichte studieren. Denn nur so kann verhindert werden, dass Fehler wiederholt werden.

Deswegen möchten wir am Jahrestag des Putsches an die Geschichte unserer chilenischen Genoss*innen erinnern und Lehren für unsere heutigen Kämpfe diskutieren.

Der Referent Marcus Hesse aus Aachen ist Sozialist und Historiker. Er ist aktiv bei der LINKEN und Mitglied der Sozialistischen Alternative (SAV).

Die Veranstaltung findet am Freitag, 11. September um 19 Uhr als Zoom-Videokonferenz statt. Eine Teilnahme ist per Smartphone-App, PC oder auch telefonisch möglich. Die Zugangsdaten findet ihr hier:

Browser oder App: https://us02web.zoom.us/j/81714585661
Telefonisch: +49 30 5679 5800
Meeting-ID: 817 1458 5661

Datum: 11. September 2020 - 19:00 - 22:00
Veranstalter: linksjugend ['solid] NRW
Ort: Zoom-Videokonferenz