Zum 80. Todestag Leo Trotzkis

Heute vor 80 Jahren verstarb der russische Revolutionär und marxistische Theoretiker Leo Trotzki in Folge eines Mordanschlags des stalinistischen Agenten Ramón Mercader. Seine Ideen jedoch leben weiter.

Leo Trotzki, gebürtig Lew Dawidowitsch Bronstein, wurde am 26. Oktober 1879 in eine jüdische, bäuerliche Familie hineingeboren. Nachdem er zunächst als Radikaldemokrat und später als Narodnik, also Anhänger einer bäuerlichen, terroristischen Gruppe tätig war, wandte er sich 1896 dem Marxismus zu. Als der Südrussische Arbeiterbund, den Trotzki mitgegründet hatte zerschlagen wurde, wurde Trotzki verhaftet und nach Sibirien verbannt. Dort erlangte er bei der Arbeiter*innenbewegung Bekanntheit als Autor und nahm den Namen Trotzki, nach seinem Oberaufseher, an.

1902 floh er nach London und wurde Mitarbeiter der Iskra, der Zeitung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR). Als sich die SDAPR ein Jahr darauf spaltete, ging Trotzki mit den Menschewiki, die für alle Interessierten offen sein sollten, während Lenins Bolschewiki eine zentralisierte Untergrundorganisation aufbauen wollten. Erst später erkannte Trotzki, dass es darüber hinaus eine programmatische Frage war, an der sich die SDAPR spaltete. Die Menschewiki gaben sich der Illusion hin, über Reformen zum Sozialismus gelangen zu können, während die Bolschewiki weiterhin ein revolutionär-marxistisches Programm vertraten. Trotzki versuchte, die Flügel wieder zu vereinen, entfernte sich aber immer weiter von den Menschewiki.

Nach der Februarrevolution 1917, also in einer Zeit der Doppelherrschaft zwischen bürgerlichem Parlament und Arbeiter*innenräten, schloss sich Trotzki den Bolschewiki an und wurde in das Zentralkomitee der Partei sowie zum Vorsitzenden des Petrograder Sowjets gewählt. Durch ein Programm, welches konsequent die Interessen der russischen Arbeiter*innen und Bäuer*innen vertrat, gelang es den Bolschewiki, Vertrauen in diesen Schichten aufzubauen und die bürgerliche Regierung zu stürzen. Trotzki leitete die Machtübernahme in Petrograd, welche fast gewaltlos gelang.

Auf die Oktoberrevolution folgte jedoch ein blutiger Bürgerkrieg, in dem zaristische Kräfte mit Unterstützung aus dem Ausland versuchten, die neue Rätedemokratie zu Fall zu bringen. Als Kriegskommissar schaffte Trotzki es in kürzester Zeit eine Rote Armee aufzustellen. Mit seinem taktischen Geschick trug maßgeblich zur Verteidigung des Arbeiter*innenstaates bei.

Den Abbau demokratischer Mitbestimmungsmöglichkeiten sah er, wie auch Lenin, stets als vorübergehende Notwendigkeit an, die nach dem Bürgerkrieg zurückgenommen werden sollte. Der Bürgerkrieg und seine Folgen sorgten jedoch dafür, dass eine bürokratische Kaste um Joseph Stalin die Macht an sich reißen konnte. Trotzki versuchte, die Massen gegen diesen Missstand zu mobilisieren und eine linke Opposition aufzubauen. Stalins Antwort darauf waren Lügenkampagnen, Verfolgungen und Ermordungen der linken Opposition. Trotzki wurde zunächst in die Türkei ausgewiesen, floh dann nach Norwegen und zuletzt nach Mexiko. Im Exil betätigte er sich weiterhin politisch. Er versuchte die linke Opposition international zu organisieren, nutzte die marxistische Methode, um die aktuelle Situation zu analysieren und neue Theorien zu entwickeln und gründete die Vierte Internationale.

Am 20. August 1940 gelang es dem sowjetischen Geheimagenten Ramón Mercader, der sich als politischer Verbündeter ausgab, einen tödlichen Anschlag auf Trotzki auszuführen. Am nächsten Tag erlag er seinen Verletzungen im Krankenhaus.

Die sowjetische Bürokratie hatte allen Grund, Trotzki zu fürchten, denn er kämpfte sowohl in Wort als auch in Tat gegen den Stalinismus. Dabei schuf er eine marxistische Stalinismus-Analyse, die bis heute unwiderlegt bleibt. Er verteidigte wichtige Errungenschaften der Sowjetunion, wie beispielsweise die Enteignung von Betrieben oder die Wirtschaftsplanung, erkannte aber, dass die Arbeiter*innenklasse der Sowjetunion die Macht wieder an sich reißen musste und dass dies nur durch eine Revolution geschehen könnte. Würde diese ausbleiben so drohe die Wiederherstellung des Kapitalismus in der Sowjetunion, was fatale Folgen für die dortige Bevölkerung habe. Diese These bewahrheitete sich 1989 bis 1991. Heute dient Trotzkis Stalinismus-Analyse in erster Linie dazu, ein Verständnis dafür zu entwickeln, wie eine sozialistische Demokratie aussehen kann.

Trotzkis theoretische Verdienste liegen aber keinesfalls nur in seiner Opposition zum Stalinismus. Eine seiner zentralen Theorien ist die Theorie der Permanenten Revolution. Sie besagt, dass in ökonomisch unterentwickelten Ländern, also heute vor allem die neokoloniale Welt, die Kapitalist*innenklasse nicht in der Lage ist, die Aufgaben der bürgerlichen Revolution zu lösen, wie sie es in weiter entwickelten Ländern bereits getan hat. Das kommt daher, dass die imperialistischen Länder die wirtschaftlich schwächeren militärisch und ökonomisch dominieren und zum anderen daher, dass die Kapitalist*innenklasse in solchen Ländern oft eng mit den Großgrundbesitzer*innen verwoben ist. Die Schlussfolgerung daraus ist, dass die Arbeiter*innenklasse diese Aufgabe übernehmen muss. Dabei soll und kann sie aber nicht stehen bleiben, sondern sie müsse direkt an die Lösung der Aufgaben einer sozialistischen Revolution gehen, um ihre Macht zu festigen und ihre Interessen durchzusetzen.

Trotzkis Faschismustheorie basiert auf der Annahme, dass der Faschismus eine besondere Form der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsordnung ist. Ziel des Faschismus ist die vollständige Zerschlagung jeglicher Arbeiter*innenorganisationen. Mittel zur Erreichung dieses Ziels ist der Terrorismus. Unterstützung erhält der Faschismus aus seiner Massenbasis im Kleinbürgertum. Darüber hinaus erkannte Trotzki, dass der Faschismus durch die Unterstützung der Kapitalist*innenklasse an die Macht kommt, entweder um eine sozialistische Revolution zu verhindern, oder um höhere Gewinne einzufahren, weil die Arbeiter*innen sich nicht mehr organisieren können. Um dem Faschismus etwas entgegensetzen zu können, lehnte Trotzki daher ein Bündnis mit bürgerlichen Organisationen ab sondern schlug eine Einheitsfront der Arbeiter*innenorganisationen vor. Heute sehen wir außerdem, dass sich faschistische und auch rechtspopulistische Organisationen als Anti-Establishment-Organisationen darstellen und so Menschen, denen es besonders schlecht geht erreichen. Auch deswegen muss der Kampf gegen rechts stets mit dem Kampf gegen den Kapitalismus verknüpft sein.

Abgesehen von diesen drei Kernelementen von Trotzkis Lehre stand Trotzki stets für einen Internationalismus ein. Er lehnte die stalinistische Theorie vom Sozialismus in einem Land ab, nach der es möglich wäre, den Sozialismus zunächst in der Sowjetunion zu erreichen. Dagegen war Trotzki der Ansicht, dass eine sozialistische Revolution nicht isoliert bleiben dürfe und sich schnellst möglich in andere Länder ausbreiten müsse.

In einer Zeit der Krise und der sich verschärfenden Klassenwidersprüche ist es wichtiger denn je, sich mit Trotzkis Theorien auseinanderzusetzen. Eine Möglichkeit dafür ist unser Theoriereader, in dem neben Texten von Marx, Engels, Lenin und Luxemburg auch Trotzkis Text „Marxismus in unserer Zeit“ enthalten ist (linksjugend-solid-nrw.de/material/reader1). Gleichzeitig ist es aber auch wichtig, selbst politisch aktiv zu werden. Daher laden wir dich ein, gemeinsam mit uns gegen gesellschaftliche Missstände und für Sozialismus zu kämpfen!