Zum Christopher Street Day

Dieses Wochenende findet in Düsseldorf der erste Christopher Street Day (CSD) in NRW in diesem Jahr statt. Unter dem Motto »all united« werden wieder tausende Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans*, Intersexuelle, Aktivist*innen, Freund*innen und Gleichgesinnte für Akzeptanz in der Mehrheitsgesellschaft, für Vielfalt und für das Recht auf persönliche Entfaltung demonstrieren.

Die CSDs gehen auf Ausschreitungen in der Christopher Street in New York 1969 zurück. Zu dieser Zeit war es normal, dass Homosexuelle und Trans* von der Polizei kontrolliert, schikaniert und zwangsweise - teils sogar in aller Öffentlichkeit - geoutet wurden. Als am 27. Juni im Stonewall Inn, einer Szenekneipe, eine dieser Razzien durchgeführt werden sollte, entflammte sich an dieser Aktion die aufgestaute Wut über die staatliche Repression und die Unterdrückung der Mehrheitsgesellschaft der Menschen vor Ort und führte zu schweren Ausschreitungen der von der alltäglichen Repression Betroffenen, die über Tage anhielten. Das neu entdeckte Selbstbewusstsein der Community und der erneute Versuch der Einschüchterung und Erniedrigung fanden ihren Höhepunkt in einem Moment eines revolutionären Befreiungsaktes, der den Grundstein des »Gay Rights Movements« markiert.

Homosexualität im Kapitalismus

Von diesen Kämpfen ist bei den heutigen CSDs allerdings oftmals nicht mehr viel zu spüren. Viele der CSDs kommerzialisieren zusehends und werden mehr und mehr zu einer reinen, vollkommen entpolitisierten Party-Veranstaltung, bei der mehr die Schlager aus den Boxen als denn die Schläge für die damaligen und heutigen Aktivist*innen thematisiert werden. Noch immer werden Homosexuelle, werden Trans* und Intersexuelle auf der Welt verfolgt, erniedrigt und teils sogar ermordet. In Uganda drohen drakonische Strafen für Lesben und Schwule. Die rechtliche Lage wurde erst kürzlich derart erweitert, dass nun auch Lesben kriminalisiert werden. In Russland werden Aktivist*innen mit Gefängnis bestraft, wenn sie ihre Liebe oder Partner*innenschaft offen bekennen oder darüber aufklären. In Saudi-Arabien kann Homosexualität sogar mit dem Tode bestraft werden.

Die Thematisierung der Verfolgung von LSBT*I verläuft dabei selbst innerhalb der Community oftmals entlang von konstruierter Unterschiede von Menschengruppen. Dabei wird ein rassifiziertes Bild von "unzivilisierten", "rückständigen" Migrant*innen gezeichnet, gegen die man sich abgrenzen müsse, während die eigenen, inneren Probleme geleugnet und verharmlost werden. Auch hierzulande werden Menschen aufgrund ihrer Lebensweise verfolgt, verächtlich gemacht und gejagt. Die deutsche Kanzlerin »tut sich schwer« mit der Akzeptanz von Homosexuellen, die SPD verspricht »100% Gleichstellung« und stimmt fast geschlossen gegen die Sukzessivadoption und auf deutschen Schulhöfen ist »schwule Sau« eines der gängigsten Schimpfworte.

Gleichzeitig haben Homosexuelle in Deutschland heute trotz der noch andauernden Diskriminierung so viele Rechte und sind so toleriert, wie niemals zuvor. Dieser Umstand zeigt sich auch im kapitalistischen Waren- und Wirtschaftssystem und dem ihm innewohnenden Streben nach neuen Absatzmärkten. Das Kapital hat erkannt, dass es sich auf Dauer nicht leisten kann, Homosexuelle als Zielgruppe der eigenen Produktionsweise auszuklammern und buhlt derzeit um die Community. Dabei ist offensichtlich, dass jener bereits angesprochener Rassismus die nun ehemals Ausgegrenzten und Marginalisierten einen soll und sie so in die durch Schubladen und Zwänge gekennzeichnete heterosexistische Mehrheitsgesellschaft integriert. Das geht manchmal so weit, dass sich selbst in der Community - die einst vom Grundgedanken her eine bunte, egalitäre und vielfältige war - Vorurteile und Schubladendenken entwickeln. So reden "maskuline" homosexuelle Männer von "nervigen Tunten", passen ihre Vorstellung von Beziehung und Sexualität der gesellschaftlichen Norm an und lassen sich von neoliberalen und rechten Organisationen und Parteien locken, die hierfür ihre Intoleranz gegenüber sexueller Vielfalt schon seit geraumer Zeit aus ebensolchen taktischen Gründen mildern. Sie instrumentalisieren den Kampf gegen Homophobie gezielt um rassistische Vorurteile gegen Migrant*innen zu fördern, wie die geplante Teilnahme Pro Kölns am CSD im letzten Jahr eindrucksvoll beweist. Die Angst vor Fremden (Xenophobie) wird von ihnen genutzt, um Migrant*innen zur Gefahr für die Rechte von sexuellen Minderheiten zu verklären.

Wenn heute sogar Christdemokrat*innen behaupten, Homosexuelle vertreten konservative Werte, ist spätestens das der Zeitpunkt die derzeitige Bewegung infrage zu stellen und zu reflektieren. Zu Beginn der Homosexuellenbewegung, gründend auf den Riots in der Christopher Street, waren es insbesondere Queers, People/Drags of Color und Marginalisierte der Arbeiter*innenklasse, die die bestehende heteronormative (heterosexuelle Norm) Ordnung erschütterten. Sie als gesellschaftlich Entrechtete waren zu Recht nicht länger bereit sich anzupassen und traten gemeinschaftlich und selbstbewusst den Unterdrückenden entgegen. Der bürgerliche Staat als Vorreiter und Vollstrecker der geschlechtlichen Binarität schlug mit der bekannten Brutalität zurück und tut es noch heute, in dem er Menschen in ein binäres geschlechtliches Raster, das keinen Platz für davon abweichende Menschen lässt, einordnet und kategorisiert.

Eine Emanzipation von Geschlecht im Kapital ist unmöglich. Zu lange und zu gut hat der Kapitalismus die zweigeschlechtlich-sexualisierte Teilung der Arbeit in reproduktive und Erwerbsarbeit schätzen und zu nutzen gelernt. Die LSBT*I-Bewegung und ihr Befreiungsversuch von diesem aufgezwungenen Schema musste für eine Erschütterung sorgen. Und so ist es nur folgerichtig, dass derzeit versucht wird die Bewegung wieder zu reintegrieren: Beispielsweise indem der Community nach und nach in kleinen Dosen bürgerliche Rechte zugestanden werden oder eine Anpassung an die monogam-heterosexuelle Mehrheitsgesellschaft als Ideal beschrieben wird.

Aber was heißt das nun?

Kapital, Rassismus und Geschlecht hängen eng miteinander verwoben zusammen. Die Arbeit an der Überwindung des einen bedeutet auch zwangsläufig immer Arbeit an den anderen. In unseren Diskursen, wie auch der täglichen politischen Praxis, muss diese Verbindung stets mitgedacht und -beachtet werden. Der Kampf um sexuelle Freiheit ist untrennbar verbunden mit einem revolutionären Kampf um die Freiheit der Menschen insgesamt und gegen die kapitalistischen Verhältnisse, die die Unfreiheit immer weiter reproduzieren und letztlich festigen. Die Gefahr, dass Teile dessen was uns ausmacht vom kapitalistischen System vereinnahmt und damit instrumentalisiert werden ist zu groß, als dass wir sie ignorieren können.

Deshalb gilt für uns: Kein Kampf um sexuelle Vielfalt ohne Kampf gegen den Kapitalismus!